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06/09
11:42
Gedanken zum Gefängnisplanet Erde 1
Mareike war den ganzen Tag umher gezogen. Dann nahm sie im Garten eines Stadtcafes platz und wartete nervös auf den Kellner. Sie mochte es nicht, wenn sie alleine sitzend irgendwo warten musste – schließlich war sie die Einzige hier, die alleine an einem Tisch saß. Nach gut zehn Minuten hatte sie der Kellner noch immer nicht bemerkt. Und das, obwohl er brav wie eine Biene einen Tisch nach dem Anderen abarbeitete. Mareike schnaubte. Wenn er jetzt wieder durch sie hindurch sehen würde, würde sie aufstehen und gehen. Und tatsächlich: Der Kellner drehte sich um, und gab der älteren Dame hinter Mareike ein Zeichen, dass er als nächstes sie bedienen würde. Ärgerlich drehte Mareike sich zu der Dame – die lächelte glücklich. Dann verließ sie mit einem lauten Stuhlquietschen das Kaffee.
Weil ihre Füße, vom vielen umherlaufen noch immer schmerzten, steuert sie eine Parkbank an. Schon fast die Erleichterung spürend, rempelt sie ein in einen dunklen Mantel gehüllter Mann an. Natürlich entschuldigt dieser sich nicht für das Versehen. Mareike zeigt ihm den Vogel, tut den nächsten Schritt und wird vom nächsten Passanten gestreift. Zwei Meter näher an der Bank, dasselbe Spiel: Bloß dass die Frau nach Alkohol und der junge Mann nach Zigaretten gestunken hatte. Sie war das gewohnt. Deswegen mied sie Einkaufsstraßen zur – im wahrsten Sinne des Wortes – „Stoß – Zeit“.
Endlich an der Parkbank angekommen, setzte sich im selben Augenblick eine Gruppe Jungendliche hin. Auch das ertrug Mareike mit einem Seufzer und blieb vor ihnen stehen. Scherzend und Lachend packten sie Jausenbrote und Alkopops aus. Wo eigentlich sie noch Platz gefunden hätte, stand nun ein Rucksack. Keiner von den Kids nahm Notiz von der Frau, die vor ihnen stand und ein zweites Mal tief Seufzte, bevor ein Aktenkoffer ihre Kniekehle traf. „Autsch!“, fluchte Mareike, „pass doch auf, du Arsch!“. Sie humpelte dem Typen, der sie gerade tuschiert hatte ein paar Meter hinterher, eher dieser sich kurz umdrehte, aber nicht stehen blieb. Vielleicht verbitterter als sonst ließ Mareike sich an einer Hauswand entlang zu Boden gleiten. Zischend rieb sie sich das Bein und als der Schmerz nachgelassen hatte, hob sie den Kopf. Der Himmel war blau, nur ein paar Wolken zogen über den Himmel. Es war ein warmer, sonniger Tag - auch wenn der leichte Wind, der ab und an ging, nach Kälte roch. Mareike atmete durch und ließ den Ärger und den Frust, der sich heute in ihr angestaut hatte in den Boden sinken. Schnell zog sie ihren linken Fuß ein, noch bevor dieser von einem Stöckelschuh getroffen wurde.
Mareike wusste um die Blindheit der Menschen. Sie würde sich nicht darüber wundern, wenn sie ein Geist wäre. Sie würde sich auch nicht darüber wundern, wenn sie eine Obdachlose oder eine Aussetzige wäre. Aber sie war ja augenscheinlich nicht anders als die Leute, die sie umgaben. Mareike war hübsch anzusehen, hatte einen Job, hatte einen Freund und eine liebe Familie. War gewaschen und gekämmt – eigentlich gab es keinen logischen Grund warum sie ständig übersehen und vergessen wurde. Doch Mareike musste sich an Tagen wie diesen eine wichtige Sache ins Gedächtnis rufen: Was sie von den Menschen, die auf ihr herum trampelten unterschied war:
Mareike war frei.